Die-Originale

Sie sind eine der absoluten Höhepunkte auf dem Altstadtfest in Nordhausen, Hannechen Vogelstange, Altstadt-Manne und der Riese. Mit scharfzüngigem Witz, immer auf dem Punkt der Zeit und doch irgendwie nostalgisch kommen sie daher und nehmen Politik, Wirtschaft und das tägliche Leben kritisch unter die Lupe – natürlich auf traditionelle Nordhüser Art.

Hannechen-Vogelsang-AltstadtoriginaleHannechen Vogelstange war,
wie man sagt, „ein gutes Tier“ (dargestellt von Barbara Rauhe)

Vor ungefähr 150 Jahren lebte in Nordhausen eine ehr-und tugendsame Jungfer, die ebenso so groß wie schmächtig war, wie man so sagt, ein Plättbrett war. Der Herrgott hatte sie aber nicht bloß körperlich, sondern auch mit irdischen Güter sehr kieme bedacht. Das „ohle Mädchen „ war also auf die Gutherzigkeit ihrer Mitmenschen angewiesen.
Da sie ein gutes Herz besaß, meinte sie, sie müsste sich für alle Wohltaten auch erkenntlich zeigen und das tat sie damit, dass sie alle Familienfeste und Trauerfeiern in der ganzen Stadt mitmachte. Es gab keine Trauung, wo sie die Braut nicht mit Blumen überschüttet hätte und keine Beerdigung, wo sie wie ein Schlosshund geschluchzt hätte.
Sie nahm an den feierlichen Essen teil und aß und trank reichlich, um sich damit durchs Leben zu bringen. Sonntäglich verkaufte sie im „Gehege“ (ein gern genutztes städtisches Ausflugsgebiet) Backwerk und Brezeln und wurde von den Nordhäusern gern gesehen. Sie war immer freundlich zu jedermann.

Wie sie wirklich hieß, weiß bisher niemand. Wahrscheinlich bekam sie ihren Namen „Vogelstange“ wegen ihrer enormen Größe, mit der sie die größten Mannespersonen überragte.

Hannechen hatte eine besondere Vorliebe für das Militär. Zu ihrer Zeit war das 4. Jägerbataillon in Nordhausen stationiert und für diese Soldaten putzte, flickte und wusch sie, kaufte ein und kochte Kaffee und das alles aus lauter Liebe zu ihren Jungs. Dafür wurde sie von diesen mit „Futteraschen“ (Naturalien und Lebensmittel) überhäuft. Ihre Anhänglichkeit für Militär ging so weit, dass sie eine ganze Weile mit dem Bataillon mitging, wenn sie ausrückten oder stundenlang ihnen entgegenging, wenn sie von Übungen zurückkamen.

Hannechen war, wie man so sagt, „ein gutes Tier“ und mancher hat’s bedauert, als sie gestorben ist. Ihren richtigen Namen und ihre Grabstätte kennt man bis heute nicht.


Alstadt-Manne-NordhausenAltstadt-Manne (dargestellt von Manfred Spangenberg)

Er verkörpert einen Bierbrau-Meister , der mit Witz und Humor viele Dinge des täglichen Lebens auf s Korn nimmt.

Das Getreide aus der Goldenen Aue, der Nordhäuser Hopfen und das kristallklare Wasser des Harzes bilden die besten Voraussetzungen für einen köstlichen Gerstensaft. Da die Menschen dies früh erkannten, besitzt das Nordhäuser Bier eine lange und für die Stadt bedeutungsreiche Geschichte.

Eine Statutensammlung aus dem Jahr 1308, in der feste Regeln der Braukunst niedergeschrieben wurden, legt erstmalig Zeugnis von der Bierherstellung in Nordhausen ab. Als Kaiser Karl IV. 1368 das Brauen von Bier und das Abhalten von Märkten im Umkreis von einer Meile um die Stadt verbietet und den Nordhäusern somit das alleinige Herstellungs- und Verkaufsrecht einräumt, beginnt der wirtschaftliche Aufstieg des städtischen Brauereigewerbes. Im 14. und 15. Jahrhundert trägt es wesentlich zum Wohlstand des Gemeinwesens bei.

1871 gründet der Nordhäuser Bierbrauer August Wilke die „Frauenberger Klosterbrauerei“ am Taschenberg und legt so den Grundstein für eine lange Unternehmenstradition, die leider wie so vieles nach der Wende keinen Fortbestand hatte.

Der Bierbraumeister war eine gewichtige Person und hatte im Stadtrat ein Wörtchen mitzureden und bestimmte die Durchsetzung und Einhaltung der Regeln zu Bierbrauerei.


der-Riese-Altstadtfest-NordhausenDer „Riese“ vom Riesenhaus: (dargestellt von Manfred Kappler)

Der Riese ist eine historische Symbolfigur und steht im mittelalterlichen Deutschland als Zeichen für den Besitz und den Wohnstil wohlhabender Handwerker.

Das Wort „Riese“ deutet auf einen großen Menschen hin und auf einen Recken oder Held, also auf einen Ritter. Es ist ein ritterbürtiges Geschlecht, dass sich im 12. oder 13. Jahrhundert einen Hof an der Südseite des heutigen Lutherplatzes in Nordhausen erbauen ließ. Die Ritter brachten eine aus Holz gefertigte Ritterfigur- den „Riesen“ als eine Art Standeszeichen an, das ihre Herkunft von edlem Geblüt symbolisieren sollte. Die Figur ging namentlich im Laufe der Zeit auf den Namen des Gebäudes über – Riesenhaus- und wurde zur Hausfigur und rückte damit von der gesellschaftlichen Stellung seines Erbauers ab.

Das „Riesenhaus“ stand im Laufe der weiteren Entwicklung im Mittelpunkt gesellschaftlicher Veränderungen in Nordhausen. Durch die Ritterschaft wurde Handel aufgenommen und beseitigte die Standesunterschiede zu den wohlhabenden Kaufleuten und Handwerkern.

Es entwickelte sich eine neue Bürgerschaft und die ganze Wut und Verzweiflung der unterdrückten niedrigen Volksgruppen ent1ud sich im großen Nordhäuser Bürgerkrieg 1375 mit dem Sturm auf das Riesenhaus.

Auch in der nachfolgenden Zeit blieb das Riesenhaus immer im Besitz wohlhabender Bürger und diente unterschiedlichen Zwecken, z.B als Tagungsort der Ratsherren, als Gasthaus, Gesellschaftshaus. Das Haus wird zur führenden Adresse der Stadt und bleibt es bis zur Zerstörung im Krieg 1945. Nach wie vor ist das Haus bekannt und damit untrennbar die Figur des „Riesen“ der im Jahre 2010 durch einen Holzbildhauer nach den Überlieferungen aus dem Jahre 1710 geschaffen wurde und an dem neuerbauten Haus an historischer Stelle angebracht wurde.

Die Rückkehr des Riesen ist bedeutungsvoll, soll doch damit die Geschichte bewahrt werden, da schon vor 900 Jahren der Gedanke der demokratischen Grundordnung entstanden ist und seine positive Symbolbedeutung zeitlos ist und er als Zeichen für das Zusammenleben unterschiedlicher Bevölkerungsschichten steht.


Das „rote Orschloch“ von Solze

Die-Nordhäuser-Altstadt-OriginaleVor ca. 80 Jahren lebte in Salza, einem Stadtteil von Nordhausen, ein Mann mit bürgerlichem Namen Gröbel, der sich seinen Namen „Rotes Orschloch“ durch deftige Schwänke und Geschichten eingefangen hat.

Als er eines Tages einen Blaubeerkuchen vom Bäcker abholte, hat er unterwegs davon genascht. Eine Nachbarin sah dies und warnte ihn mit der Bemerkung: „Paß auf, du bekommst davon ein rotes Muuhl (Mund).

Er antwortete: Ne, ein rotes Orschloch (Arschloch) und seit dieser Zeit hieß er so.

Eine seiner Geschichten sind noch heute sehr nachhaltig:

Das „Rote Orschloch“ stand an einem Laternenpfahl und zog daran ganz kräftig. Dabei schrie er den Laternenmasten an und schimpfte vor sich hin. Durch seine Lautstärke lockte er viele Menschen an, die etwas Unerhörtes vermuteten und sich um den Laternenpfahl versammelten.

Immer wieder schrie das „Rote Orschloch“: Kämmest duun ruus, kämmest duun ruus!“

Die Leute, die herumstanden, fragten sich verzweifelt, wen er da raushaben wollte. Versuchte er den Laternenpfahl aus der Erde zu reißen oder hatte ihn ein Tobsuchtsanfall gepackt?

Plötzlich ließ das „Rote Orschloch“ gewaltig einen fahren. Die Leute waren entsetzt. Das „Rote Orschloch“ bemerkte erleichtert: „Endlich ist er drussene!“

Eine vornehme Dame bemerkte brüskiert: „Pfui, wie roh!“ Das „Rote Orschloch“ besah sie schelmisch und donnerte los: „Du witt ihn woll ach noch jebrott han?“ (Du willst ihn wohl auch noch gebraten haben?“

Wutschnaubend stolzierte die Dame davon und wenn sie einen Menschenauflauf sah, ging sie lächelnd daran vorbei und warnte keinen vor dem Kommenden.